Strickfilz-Tasche

Der Sinn der Maschenprobe

Aus einer Schafwolle, die extra zum Verfilzen in der Waschmaschine gedacht ist, habe ich ein kleines Täschchen für die lebensnotwendigen Dinge unterwegs – Schlüssel, Handy und Geld – gestrickt. Und mir dabei nicht nur den Sinn von Maschenproben fern-erklären lassen, sondern sogar erfolgreich umgesetzt.

Das Projekt

Manche Projekte brauchen ihre Zeit. Im Frühjahr 2015 sah ich, mit dem Rad unterwegs, im Vorbeifahren eine Tasche, die mir sehr gefiel. Wieder zu Hause fertigte ich eine Skizze davon an. Die Tasche in drei verschiedene Grüntönen war offensichtlich zuerst gestrickt und dann gefilzt worden. Im Frühjahr 2016 entdeckte ich, dass es spezielle Filzwollen gibt und kaufte drei halbwegs passende Farben für die Tasche. Und jetzt, im Mai 2017, habe ich das Motto „Liebling, ich habe die Tasche geschrumpft“ bei Greenfietsens Taschen Sew-along genutzt, um die Wolle endlich zu verarbeiten. Und die Tasche anschließend zu schrumpfen.

Die Maße der fertigen kleinen Tasche sollten dabei in etwa einer anderen Tasche entsprechen, die ich bereits lange verwende, also ca. 16 x 20 cm groß. Aber wie sollte ich herausfinden, wie groß ich die Tasche vorab stricken muss, wenn die Wolle laut Banderole beim Waschen „um ca. 30-40%“ schrumpft? Ob 30 oder 40 Prozent, das ist doch ein ganz beachtlichter Unterschied!

Der Maschenproben Video-Kurs

Zum Glück hat Marisa von Maschenfein in Berlin (einigen wahrscheinlich bekannt durch ihre monatliche Linkparty Auf den Nadeln) den Videokurs Das 1×1 der Maschenproben bei Makerist veröffentlicht. (Und zu meinem noch größeren Glück war der Kurs, als ich mich endlich dazu aufraffte, ihn doch zu kaufen und endlich anzusehen, gerade auf rund 16 Euro reduziert!) Dieser Artikel von Maike von Crafteln hat ebenfalls dazu beigetragen, dass ich sehr neugierig auf die Geheimnisse der Maschenproben wurde.

Marisas Videokurs ist ausführlich und sehr, sehr anschaulich gemacht. Anhand unzähliger selbst gestrickter Maschenproben erklärt sie die Unterschiede zwischen verschiedenen Garnen, welchen Unterschied verschiedene Nadelmaterialien beim Stricken machen können, und spürt mit fast schon wissenschaftlicher Akribie dem Verhalten unterschiedlicher Garne bei gleichem Muster nach.

Marisas systematische Herangehensweise gefällt mir ausgesprochen gut, aber am besten hat mir gefallen, warum man Maschenproben nicht mehr auftrennen soll sondern sie als wertvolle Informationsquelle behalten: Weil man sie nicht nur stricken sondern auch waschen und in Form gezogen bzw. aufgespannt trocknen soll. Genau so, wie man das spätere fertige Strickstück behandeln würde. Nur auf diese Weise vermeidet man Enttäuschungen, wie wenn zum Beispiel der fertige Baumwollpulli nach dem Waschen plötzlich um einige wesentliche Zentimeter länger ist. Wenn man die Arbeitszeit bedenkt, die in einem fertigen großen Strickstück steckt, ist die relativ geringe Arbeits- und Vorlaufzeit für eine Maschenprobe jedenfalls sehr gut investierte Zeit! Und man kann die Maschenproben verschiedener Garne aufbewahren und später als Referenz für neue Projekte verwenden.

Ich bin konvertiert zu einem neuen Fan von Maschenproben!

Bei meinem Strick-Filz-Taschen-Projekt war die Maschenprobe essenziell, weil ich mir sehr unsicher war, ob die kleine Tasche mit der dicken Wolle nicht viel zu dick und auch zu steif würde. Und vor allem wie viel sie wirklich schrumpft! Aber nach einigem Grübeln: Augen zu und durch! Denn wenn ich nicht einfach ausprobiere, wie die Wolle sich verhält, werde ich es nie erfahren. Und in Marisas Videokurs habe ich auch gelernt, dass es sich manchmal lohnt, ein wenig Wolle zu „opfern“, einfach nur um Erfahrungen zu machen.

Testlauf

Ich war mir unsicher, ob das Täschchen mit der dicken Wolle nicht viel zu voluminös und unhandlich wird. Also habe ich einen Versuch in drei Stufen gestartet.

Zuerst habe ich die Maschenprobe gestrickt mit Nadeln Nr. 8 wie auf der Banderole angegeben (20 Maschen, 14 Reihen grün plus 10 Reihen schwarz), das ergab 10×10 cm = 12,5 Maschen x 18 Reihen.

Dann habe ich die Probe mit dem Kurzprogramm (30 Minuten) bei 40 Grad in die Waschmaschine gesteckt, gespannt und trocknen lassen. Das ergab 10×10 cm = 11,5 Maschen x 19 Reihen. Also nur ganz unwesentlich geschrumpft, und es sah auch nicht sehr verfilzt aus. Ich war ehrlich enttäuscht und dachte schon, ich könne das Schrumpfthema vergessen.

Dann habe ich aber das Stück noch einmal im Vollwaschprogramm (2 Stunden) bei 40 Grad gewaschen, und tadah!: 10×10 cm = 14 Maschen x 22 Reihen. Die Mascheprobe lässt sich jetzt kaum mehr auszählen, so verfilzt ist sie. Nächstes Mal würde ich vor dem Filzen kontrastfarbiges Garn in regelmäßigen Abständen (im Schachbrettmuster) als Markierung in die Maschenprobe einziehen. Aber spannend, dass die Wolle in der Höhe (18 –> 22 Reihen) viel stärker schrumpft als in der Breite (12,5 –> 14 Maschen). Das ist jedenfalls gut zu wissen, damit hätte ich ohne Maschenprobe nicht gerechnet.

Dann habe ich herumgerechnet und das eigentliche Stück so gestrickt:

  • Taschenbeutel (endgültiges Maß 15 x 20 cm): 42 Maschen auf einem Nadelspiel Nr. 8 angeschlagen, je 16 Reihen in schwarz, grün und limette gestrickt, abgekettet.
  • Riemen (endgültiges Maß 134 x 3 cm): 5 Maschen auf Nadeln Nr. 8 angeschlagen und 264 Reihen gestrickt.

Vor dem Filzen habe ich die Bodennaht des Beutels geschlossen und sämtliche Fäden vernäht. Eigentlich eine Frechheit, wie schnell das Teil dann im Endeffekt gestrickt war (nicht ganz 3 Stunden) dafür, wie lange ich vorher dafür herumgeeiert habe. Ich war vorher wirklich nervös, ob ich wohl alles richtig berechnet habe, denn die Möglichkeit zum Auftrennen und neu Machen – was ich sonst am Stricken so schätze – ist hier definitiv nicht gegeben. Gefilzt ist gefilzt.

Den Riemen wollte ich eigentlich vollständig limettenfarben haben, aber leider hat die Wolle dafür nicht gereicht und ich musste improvisieren. Die Farben der Tasche passen jedenfalls gut zu meinen grünen Kleidungsstücken, und das Gefilzte besonders zum grünen Loden des Stadtmantels.

Diese Wolle filzt schon sehr dick, wird aber als fertiges Stück nicht steif sondern bleibt weich und griffig. Ich kann mir daraus sehr gut warme Filzpantoffel für den Winter vorstellen, vielleicht mit einem Anti-Rutsch-Muster auf der Sohle versehen.

Hat von Euch schon mal jemand gestrickfilzt? Habt Ihr vielleicht Woll-Erfahrungen oder Woll-Empfehlungen für mich, für eine etwas feinere Filzwolle?

Das ist drin

Schnitt/ Anleitung: Eigener Schnitt. Videokurs Das 1×1 der Maschenproben von Marisa Nödelke bei Makerist (vergünstigt um 16,- Euro, selbst bezahlt)

Material: Schachenmayr Wash+Filz-it! (100% Schurwolle, 50 Meter/ 50 Gramm), je 1 Knäuel à 50 Gramm in den Farben 0036 (zitronat), 0017 (oliv) und 0001 (schwarz). Gekauft 2016 bei Mia Kreativ in Graz, die leider inzwischen ihren Laden geschlossen hat.

Verbrauch: Die 150 Gramm habe ich mit Maschenprobe, Tasche und Riemen restlos aufgebraucht.

Werkzeug: Nadelspiel Nr. 8, Stopfnadel zum Vernähen, Waschmaschine.

Kosten: 3 x 2,90 = 8,70 Euro

Arbeitszeit: ca. 1 h testen und probieren; 1,5 h Beutel stricken; 1,5 h Riemen stricken; ca. 30 Minuten Reißverschluss einnähen und Riemen annähen = 4,5 Stunden ohne Wasch- und Trockenzeiten.

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15 comments

  • Liebe Gabi,
    das Filzen habe ich bisher nicht versucht (und hätte wahrscheinlich keine korrekte Maschenprobe gemacht, sondern ein Probestück einfach mal gefilzt). Ich habe mal gefilzte Puschen geschenkt bekommen und nie angezogen. Das lag aber wohl eher an der Form und dass ich keine weichen Schuhe mag. Dein Täschchen passt gut zum Mantel und den anderen grünen Kleidungsstücken – wie gut, dass man durchs Selbermachen Form, Größe und Material selbst bestimmen kann!
    Liebe Sonnengrüße
    Ines

    • Liebe Ines, ein Probestück einfach mal filzen ist ja ganz genau eine Maschenprobe machen, oder umgekehrt: Maschenproben sind ja Probestücke. 🙂 Aber so, mit methodischem Vorgehen, ist es natürlich „wissenschaftlich exakter“. Für den Winter kann ich mir erstmals gefilzte Schuhe vorstellen, wenn ich sie selbst gemacht habe. Bislang trage ich da zuhause immer gekaufte Sweat-Socken mit Rutsch-Stopper, feste Hausschuhe mag ich gar nicht. Dass die Wolle so gut zum Mantel passt ist wirklich purer Zufall – die Wolle habe ich letztes Jahr gekauft, den Mantelstoff erst viel später geschenkt bekommen. Aber ich stimme Dir zu: Es ist toll, wenn man sich selbst die Dinge so zusammenpassend machen kann.
      Hach, liebe Grüße ans Meer, ich hoffe es scheint auch heute die Sonne bei Euch, bei uns ist bedeckt und Regen. Aber vielleicht kommst Du dann zum Handarbeiten im Urlaub, Sticken und Stricken? Oder einfach lesen. lg, Gabi

      • Liebe Gabi,
        bisher nur lesen… Ich kann mich noch nicht aufraffen, die Tasche mit dem Strickzeug und den anderen Sachen rauszuholen. Zum Glück bin ich wieder einigermaßen fitt. Und die Sonne scheint, das Wasser hat 22 Grad und ab und zu gibt es Wind – so richtig Urlaub! Hoffentlich wird es bei Euch auch wieder besser. Aber den Regen hats ja auch gebraucht (dass es zuhause geregnet hat, hat so manches gerettet!)
        Liebe Grüße
        Ines

  • Liebe Gabi,

    ich finde es schön, dass Du das mal so ausführlich erklärst. Ich hab keinen Spaß an Maschenproben, muss allerdings auch zugeben, dass ich keine Kleidung stricke. Stricken ist per se nicht so meins. Wenn ich dann doch mal was in die Richtung mache, dann drücke ich mich um die Maschenprobe.
    Aber gerade bei schrumpfender Wolle kann ich das jetzt total gut verstehen. Sollte ich nochmal davor stehen, werd ich vermutlich nun doch eine Probe machen.

    LG Mareike

    • Ich habe bisher noch sehr selten Maschenproben gestrickt und wenn, dann niemals gewaschen und gespannt und anschließend aus Geiz wieder aufgetrennt. Der Videokurs hat das echt geändert! Du stickst und quiltest so tolle Sachen – es ist halt nicht jede Technik für jede gleich attraktiv – und das ist auch gut so! Aber es freut mich, dass ich sogar Du als Strick-Unlustiger den Sinn von Maschenproben vermitteln konnte. lg, Gabi

  • Das Täschchen sieht hübsch aus und dein Bericht liest sich sehr interessant. Erfahrungen kann ich dazu leider nicht beitragen. Liebe Grüße Ingrid

  • Karoline

    Hallo Gabi! Finde dein Täschchen ist sehr schön in der Farbzusammenstellung und passt wirklich gut zu deiner Garderobe. Ich hab schon mal eine Tasche für meine Mutter gestrickt und dann mit 60 Grad in der Waschmaschine gefilzt. Hatte dazu aber eine Anleitung. Die Tasche habe ich dann noch bestickt. Ansonsten hab ich auch noch Filzwolle lagern, weil ich mir eine Kappe machen wollte – vielleicht wirkt dein Beitrag ja animierend auf mich….LG, Karoline

    • Achja, besticken könnte man die auch noch… Naja, ich hab mir jetzt noch ein passendes Knäuel in Limette online bestellt und werde den Henkel doch noch einmal neu und einfarbig machen. Eine Kappe willst du machen? Sowas wie eine Baskenmütze? lg, Gabi

  • 3he fecit

    filzpatschen habe ich über die jahre schon viele gestrickt, die letzten zu ostern für sämtliche geschwisterkinder und patenkinder. die lieben sie genauso wie ich und unsere gäste. rutschhemmer unten ist allerdings wirklich wichtig 🙂 taschen habe ich bisher erst zwei gestrickt und gefilzt, nach anleitung. gekauft habe ich meine wolle zumeist bei hirt, dort wurde die auswahl aber leider die letzten winter immer weniger. die maschenwerkstatt in der mariahilfer straße hat ein paar farben ferner filzwolle. wirklich auswahl habe ich bisher leider nur bei buttinette online gefunden. strickfilzen ist offensichtlich bereits wieder out 🙁 umso mehr freut es mich, dass noch jemand hier in graz die nachfrage wieder steigert 🙂 lg heike

    • Ja, der Hirt hat auch Filzwolle, aber nicht dieselbe wie die Mia hatte, das war jetzt ein bissl blöd, als ich noch Nachschub gebraucht hätte. Die Maschenwerkstatt meide ich – die Wolle dort ist viiiiel zu schöööön, ich versuche mich vor Hamsterkäufen zu bewahren. 😉 Aber eigentlich müsste ja auch jede wolle, die nicht Superwash ist, zum Filzen gehen, oder? lg, Gabi

  • Hallo Gabi!

    Ich habe auch vor kurzem Strickfilzwolle verarbeitet. War ganz mutig und habe es einfach ohne Maschenprobe gemacht. Würde ich jetzt nicht empfehlen, hat aber zum Glück geklappt 🙂

    Bei mir sind es Filzpatschen geworden, nach der Anleitung von Susanne mamimade.

    Dein Täschchen ist hübsch und praktisch zu gleich!

    lg
    Maria

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