Tutorial: Gurtpolster

Die alltäglichen Kleinigkeiten

Die Ausgangslage: Der Gurt der Sporttasche des Sohnes ist so „scharfkantig“, dass er unangenehm einschneidet (seitlich in den Hals drückt), wenn der Sohn die Tasche beim Radfahren zur Schule quer über den Rücken hängt. (Natürlich hat das Rad keinen Gepäckträger, auf den man die Sporttasche klemmen könnte. Gepäckträger bei Mountainbikes sind für Teenager ähnlich uncool wie Kotflügel.)

Meine Alltags-Collegetasche hat hingegen einen Gurtpolster, den ich heiß liebe, weil er (1) genau diese scharfe Kante abfängt, und (2) nicht fix am Gurt festgenäht sondern beweglich ist. Je nachdem wie lang ich den Träger eingestellt habe (kürzer beim Radfahren, länger beim normalen Tragen), kann ich den Polster auf dem Gurt immer in eine angenehme Position verschieben.

Wenn man also eins und eins zusammenzählt, hat sich der Sohn einen Gurtpolster für seine Sporttasche gewünscht, und ich habe ihm einen genäht.

(Klick auf ein Foto öffnet die Galerie und vergrößert das Bild.)

Hier geht’s zum Schnittmuster, das Ihr je nach Gurt anpassen solltet (breiter oder schmäler machen, länger oder kürzer).

Der Gurtpolster ist leider nicht perfekt geworden, sondern etwas krumm genäht, was unter anderem daran liegt (wie ich bei Alles Näht festgestellt habe), dass meine Nähmaschine zwar eine Brave ist, die mir seit 25 Jahren wartungsfrei gute Dienste leistet, aber dass ich bei ihr halt weder Nadelposition noch Füßchendruck verändern kann, und auch keinen Bandeinfasser habe.

Ich mag meinen Perfektionismus grundsätzlich, weil er mich dazu bringt, die Dinge so genau und schön wie möglich zu machen. Aber ehrlich: Wer sieht das schon, dass das hier nicht ganz sauber genäht ist, aus der Ferne? (Und alle, die es hier am Blog sehen: Pssst, nicht weitersagen!) Praktisch ist es, mehr braucht dieses Teil nicht zu sein.

Das Alltägliche vor den Vorhang?

Ein schnöder Gurtpolster. Eigentlich würde ich den normalerweise gar nicht in einem eigenen Blogpost behandeln. Meine Blogposts (die regelmäßigen Leserinnen wissen das) sind meist eher lang und ausführlich und zeigen Dinge, die relativ aufwändig herzustellen waren. Der Gurtpolster gehört zu den Dingen, die ich zwischendurch schnell nähe, im Zuge anderer Reparaturarbeiten zum Beispiel. Er gehört zu den Dingen, die es meist nicht auf den Blog schaffen. Ein kleines, praktisches Alltagsteil, nichts Besonderes.

Wieso habe ich eigentlich den Anspruch, dass ich hier am Blog nur das Besondere und nicht auch das Alltägliche zeige?

Claudia ma.la.la hat mich erst auf die Idee gebracht, dem Gurtpolster einen eigenen Blogpost zu spendieren. Sie hat über einen schnell genähten Gurt für ihre Rollerskates berichtet, den eine nicht-nähen-könnende Bekannte ausgiebig bewundert hat. Und sie schreibt:

Mir ist nämlich wieder einmal bewusst geworden, wie genial es eigentlich ist, wenn man nähen kann, bzw. ein bisschen kreativ ist. (…)
Ich denke, ich spreche nicht nur für mich, wenn ich jetzt mal vermute, dass wir alle, also diejenigen die schon lange kreativ arbeiten, das irgendwie ein bisschen als selbstverständlich sehen.
Dabei ist es nicht selbstverständlich, dass man fast jeden Kostümwunsch der Kinder umsetzen kann, dass Geschenke auf den Beschenkten zugeschustert werden, oder man da, wo viele sagen müssen: ‚Kauf ich mir‘, sagen kann: ‚Näh ich mir‘ und zwar genauso, wie es mir gefällt.

Damit hat Claudia einen Nerv bei mir getroffen. Ich vergesse häufig, dass meine Welt der Bloggerinnen und anderen DIY-Begeisterten eigentlich nur eine winzigkleine Blase in unserer Gesellschaft ist.

Für mich ist das so selbstverständlich. Und zwar nicht nur das neue-Sachen-den-eigenen-Wünschen-perfekt-Anpassen, sondern auch das alte-Sachen-Reparieren-oder-Umgestalten. Letztens sitze ich am Nähtisch, kommt die Tochter und fragt, was ich da mache? – „Ich repariere diese Tasche.“ – „Ach so.“ Für sie ganz selbstverständlich. Für wie viele andere Kinder noch?

Ähnlich „unspektakulär“ wie ma.la.las Skate-Gurt ist also dieser Gurtpolster, den ich aus diesem Grund noch nie gezeigt habe. Im Endeffekt ersparen solche kleinen, praktischen Dinge im täglichen Leben so viel Frust, bekommen es aber so wenig gedankt.

Der Sohn freut sich jetzt zwei Mal die Woche, dass seine Tasche so viel bequemer zu tragen ist als früher.

Also: Lasst uns öfter die kleinen Dinge vor den Vorhang holen!

Sie sind es wert.

Das ist drin

Schnitt/ Anleitung: Gurtpolster von mir

Material: ca. 35 x 45 cm Stoffrest, ca. 150 cm grünes Schrägband 18 mm breit, ca. 40 cm Klettband (schwarzes war keines mehr da, deshalb weißes), ca. 35 x 45 cm Schaumstoff-Verpackungsfolie (Volumenvlies geht natürlich auch) – alles Reste, alles vorrätig gewesen

Werkzeug: Nähmaschine

Kosten: praktisch keine

Arbeitszeit: 1 Stunde

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11 comments

  • Haha! Ich hab vor ein paar Jahren auch so ein Gurtpolster genäht und erst vor kurzem auf meinem Blog gezeigt. Und die Art ist genauso wie Deine B-)
    https://kleene.wordpress.com/2016/08/19/nachtraegliches-gurtpolster-fuer-eine-tasche/

    Gepolstert hab ich aber mit alten dicken Socken… 😀

    Was Du über die Blogger-„Blase“ geschrieben hast, fand ich sehr interessant. Ja, es wird wohl stimmen. Ich denke ja immer, wenn es darum geht, das Hobby vielleicht auch zum bissl Geldverdienen zu nutzen: Naja, es nähen ja doch alle irgendwie zur Zeit. Oder haben gar kein Interesse am Selbermachen/Selbstgemachten 🙁
    Dem scheint wohl nicht so zu sein!

    Liebe Grüße!
    Anja

    • Servus Anja, wie cool ist das denn, dass Du genau dieselben Hals-Schutz-Gurtpolster nähst. Ja, so ein Gurtpolster ist was Feines! Ich habe da noch zwei Kanditatinnen, die auf ein Gurtband warten: Meine Fototasche und den Kameragurt. Beides treibt mich in den Wahnsinn, mit der Scheuerei am Hals. Neuen Stoff hab ich schon bereitgelegt. Liebe Grüße, Gabi

  • Das ist ja ein cooles Polster. Bisher kannte ich nur die Gurtpolster aus einem Stück, die man dann halt einmal um den jeweiligen Gurt drumschlägt (ich hoffe, du verstehst was ich meine?!). Jedenfalls finde ich das hier eigentlich eine schönere Alternative! Die merk ich mir. Danke für das Tutorial.
    Und ich gebe dir absolut Recht! Ich hasse es auch, wenn’s an der Schulter einschneidet…gerade, wenn die Tasche etwas schwerer ist.
    Liebe Grüße
    Charlie

    • Schön, dass dir diese Version gefällt – mir auch 😉 Im Gegensatz zu der Variante, die Du meinst (ja, ich glaub ich weiß welche du meinst) kann sich dieser Gurtpolster eigentlich nicht verdrehen, das heißt, der Klett liegt immer oben und kann niemals nicht unten auf der Schulter liegen und drücken. Ich mag den. (Deshalb hab ich ihn ja abgekupfert… 😉 ) Liebe Grüße, Gabi

  • Das ist super!!! Sowas kann ich gar nicht leiden – diese komische Gurtband ruiniert nicht nur Hals und Haut sondern oft auch die Klamotten. Wie gut, dass du gleich noch dazu ein Tutorial gemacht hast. Danke fürs teilen <3
    liebe grüße
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    • Liebe Gusta, wie schön, dass Du Dich so freust! Dabei ist nicht viel dahinter… Aber oft sind’s halt wirklich die kleinen Geistesblitze, die den Alltag angenehmer machen. Liebe Grüße (und danke für Deine tolle, inspirierende Linkparty!), Gabi

  • Hallo Gabi!

    Eine ganz tolle Idee und super umgesetzt. Und Deine Gedanken zum Bloggen dazu mag ich auch. Stimmt schon, daran sollte ich mich auch ab und zu wieder einmal zurück erinnern.

    Sehr gerne möchte ich Dich hiermit auch zu meiner Linkparty „fix it“ einladen. Denn eigentlich kann man sagen, dass Du die Tasche mit dem Gurtpolster repariert hast. Vielleicht hättest Du sie sonst bald einmal ersetzen müssen. Also auf jeden Fall eine tolle Verbesserung, die ich gerne auch bei fix it sehen würde.

    Danke für die tolle Anleitung!

    lg
    Maria

    • Danke für das Lob, Maria. Na, wenn Du findest, dass es auch auf „fix it“ passt, dann verlinke ich gerne. Ich dachte nur, es ist ja nicht wirklich repariert. Aber bald hab ich auch einen „richtigen“ Reparatur-Beitrag, da ist Deine Linkparty schon fix eingeplant. Liebe Grüße, Gabi

  • Wie recht du hast. Vielleicht sollte ich mal meine selbst gebastelten Rollos zeigen, ein Bekannter meinte mal: „Das ist ja der gleiche Stoff wie der Vorhang…“ Ich lebe aber auch gerne in meiner Selbermacher-Blase.

    • Liebe Dalia, ich fühle mich auch sehr wohl in meiner Selbermacher-Blase, keine Frage! Ich genieße das sehr, mir in so vielen Dingen selbst helfen zu können. Oh ja, bitte! zeig Deine Rollos! Liebe Grüße, Gabi

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